Rückblicke - Ausblicke
Konvent Evangelischer Theologinnen an der Schwelle ins 3. Jahrtausend
Christel Hildebrand

    Ereignisreich war das vergangene Jahrhundert für uns protestantische Theolo-ginnen in Deutschland. Nur weniges kann beispielhaft genannt werden, weit entfernt davon, das annähernd zu würdigen, was insbesondere Kolleginnen für unseren Beruf erhofft, geleistet und erlitten haben.
    Ein kleiner Überblick über diese hundert Jahre sei dadurch versucht, daß ich in einem Rhythmus von je 25 Jahren einen Lichtschein auf die dann vorhandene berufliche Situation von Theologinnen werfe. Damit möchte ich Ihre eigenen Erinnerungen an diese Zeit wachrufen, vielleicht zum gegenseitigen Berichten in diesen Tagen:

    1900
    In Baden darf die erste Frau sich immatrikulieren, sie ist nicht Theologin. Die deutschen Länder öffnen bis 1908 die Hochschulen für Frauen. 1908 bereits erwirbt die erste Theologin, Carola Barth, das Licentiat. Von kirchlichen Examina bleiben Theologinnen bis in die zwanziger Jahre ausgeschlossen.
    1925
    Auf Initiative von Carola Barth, unterstützt von Ina Gschlössel und Marburger Theologiestudentinnen wird hier in Marburg der Theologinnenkonvent unter der Bezeichnung "Verband Evangelischer Theologinnen Deutschlands" gegründet. Ziele sind: Austausch untereinander, Einflußnahme auf die Gesetzgebung, Gegenseitige Hilfe bei der Suche nach Arbeitsstellen. Diese Ziele sind bis heute aktuell. Zur ersten Zerreißprobe für den Verband der Theologinnen und seine Einheit wird die unterschiedliche Antwort auf die Frage: Soll das Amt der Theologin ein spezifisches Frauenamt sein oder sollen der Theologin alle pfarramtlichen Dienste zugänglich werden? Unter dem wachsenden Einfluß des Nationalsozialismus, seiner Diskriminierung der Wissenschaft und seinem spezifischen Frauenbild verringern sich die Chancen für die berufliche Gleichstellung der Theologin, ja sogar der Studienmöglichkeiten.
    1950
    Theologinnen haben während des zweiten Weltkriegs notgedrungen ihre Bewährungsfähigkeit in den pfarramtlichen Diensten unter schwierigsten Bedingungen bewiesen: Alarmsirenen und das Aufsuchen von Schutzräumen unterbrachen die Gottesdienste, die nicht selten bespitzelt wurden. Konfirmandenunterricht war zu halten neben Hitlerjugend und BDM. Familien waren seelsorgerlich und sozial zu betreuen, die ihre Männer, Söhne, Brüder oder ihr Hab und Gut verloren hatten. Oft waren Theologinnen für mehrere Gemeinden zuständig, mit dem Fahrrad unterwegs, manchmal von Tieffliegern angegriffen. Veranstaltungen waren oft nur noch in Kellern durchführbar. Den Theologinnen stand oft für sich selbst nur ein einziges Zimmer zur Verfügung, Nahrungsmittel und Kleidung wurde knapp, einen Talar zu tragen, unter dem die dürftige Kleidung auf dem Friedhof z. B. versteckt werden konnte, war ihnen untersagt, Das vorgeschriebene schwarze Kleid mußten sie auf ihren privaten Kleiderbezugschein erwerben.
    Trotz Bewährung in den schlimmen Kriegsjahren und während der Hunger- und ersten Aufbaujahre danach, werden Theologinnen wieder auf die Arbeit an Kindern, Mädchen und Frauen verwiesen, von Kasualien und Sakramentsverwaltung sowie von Hauptgottesdiensten werden sie ferngehalten. Was heute wie männliche Schikane erscheinen muß, wurde damals theologisch zu begründen versucht.
    1975
    Jetzt werden in fast allen deutschen Landeskirchen Theologinnen zum Pfarramt ordiniert (ausgenommen Schaumburg Lippe). Das Dienst- recht gilt für Pfarrer und Pfarrerinnen gleicherweise. Die Ordination und Gleichstellung ist nach und nach in den sechziger Jahren erfolgt. Von Einfluß war dabei der Pfarrermangel, eine ganze Reihe Pfarrstellen konnte nicht besetzt werden, obwohl die finanziellen Mittel vorhanden waren. Wir Theologinnen freuten uns über das Erreichte und nahmen uns vor, zu zeigen, daß wir Frauen genauso kompetent unsere Pfarrämter zu führen im Stande waren.
    Aber dann zeigte es sich, wir hatten Gegebenheiten zu übernehmen, die durch und durch männlich geprägt waren. Demokratische Formen waren hierarchisch überlagert, vorhandene Texte der Tradition sprachen unbefangen von Königen, Herren, Kampf und Sieg, verschwiegen Frauen und machten sie unsichtbar. Kirchenraum und Gottesdienstgestaltung waren nach dem "Ein Mann Führungsprinzip" ausgerichtet. Sie erschienen uns leibfern. Hände und Füße waren bei gemeindlichen Dienstleistungen willkommen, aber im Gottesdienst durften sie nicht in Bewegung geraten oder gar Gott im Reigen loben, wie es Mirjam und ihre Frauen taten.
    So machten wir uns auf die Suche nach neuer Spiritualität, freuten uns, wenn auch Männer, Jugendliche, Ältere daran Freunde fanden. Wir hielten Ausschau nach den Frauen in der Überlieferung. Feministisch theologische Forschungen wurden wichtig für unsere geistliche Identität. Dies alles fand mehr auf der Ebene der Landeskonvente statt, hier wurde inbesondere zusammen mit der Frauenarbeit und der Gleichstellungsbeauftragten der Kirchenleitungen gekämpft. Von dort flossen Informationen im gesamtdeutschen Konvent zusammen und prägte die Themen der Jahrestagungen.
    Wichtigste Aktion war dabei die Begegnung und der Austausch zwischen den Kolleginnen aus Ost- und Westdeutschland im Osten Berlins, illegal. Grenzübertritt in kleinsten Gruppen, getarnt als kunstinteressierte Touristinnen. Nach der Wende war Gemeinsamkeit zu finden und zu gestalten.
    2000
    Seit mehr als 10 Jahren sind wir politisch, seit 1994 sind wir satzungsmäßig als Theologinnenkonvent Ost und West wiedervereint. Kirchenpolitisch und politisch müssen wir uns um der West-Ostkontakte willen nicht mehr bedeckt halten. 25 % aller Pfarrstellen zeigen eine Theologin im Amt. Gegenwärtig sind ca. 50 % aller Theologiestudierenden Frauen. Seit 1999 hat die EKD zwei Bischöfinnen, die beide seit Jahren zu unseren Einzelmitgliedern gehören.
    Theologische Veröffentlichungen von Frauen haben beachtliche Auflagen und sind so zahlreich geworden, daß selbst interessierte Kolleginnen Mühe haben, sie alle zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn zu lesen. Die Verknappung der finanziellen Ressourcen macht überall zu schaffen. Für junge Theologinnen und Theologen gibt es Wartelisten oder schlimmer, keine Chancen in ihrer oder einer anderen Landeskirche einen bezahlten Arbeitsplatz zu finden. In Württemberg erhalten Theologenehepaare für 12 Jahre nur je eine halbe Stelle. In Berlin wurde die Stelle der Frauenbeauftragten nach 5 Jahren Aufbauarbeit 1997 ersatzlos gestrichen. Was geschwisterlich betroffen macht: Unsere römisch katholischen Kolleginnen kämpfen trotz eminenten Priestermangels noch immer vergeblich selbst um die Weihe zum Diakonat. Anders die anglikanische und altkatholische Kirche. Beide lassen seit Ende der Neunziger Jahre Theologinnen zum Priesteramt zu.
    Dagegen ist es bisher in der polnischen lutherischen Kirche nicht gelungen, Frauen zum Pfarramt zu ordinieren. In Lettland verweigert Bischof Vanags nach wie vor den Kolleginnen die Ordination. Nicht zuletzt zur Stärkung unserer Schwestern scheint deshalb gegenwärtig die Gründung eines interkonfessionellen, europäischen Theologinnenkonvents nötig.
    2025 - Ausblick
    Ich träume: Theologinnen haben in allen Bereichen die zu guter Leitung in den Kirchen erforderliche hohe Professionalität erworben, die sie solidarisch, sensibel, partnerschaftlich, orientiert an wechselnder Sachkompetenz menschlich bezogen in Ihrer Amtsführung leben und einsetzen.
    Für die Generation, die dann die Ämter übernimmt oder in Ämter wählt, ist die Persönlichkeit und ihre Kompetenz allein, nicht das Geschlecht entscheidend.
    Theologisch sind die Forschungen von Frauen selbstverständlich Gegenstand theologischer Ausbildung. Der Geschlechterparität unter den Studierenden entspricht Geschlechterparität im Lehrkörper. Unsere Gottesdienste sind festlich, lebendig, vielgestaltig und spirituell anziehend. Im Interesse gegenseitiger Wahrnehmung, des Austauschs und der Beratung arbeitet der europäische Theologinnenkonvent. Die Ordination von Theologinnen ist in allen europäischen Ländern selbstverständlich geworden, unter einem neuen Papst längst auch in der römisch katholischen Kirche.
    So leisten Theologinnen einen wichtigen Beitrag zum Frieden in Europa und darüberhinaus zu einem Weltethos, bei dem sozialer Ausgleich möglich wird. Nicht der Markt, sondern das hohe Ethos der Völker, erwachsen aus ihrem religiösen und kulturellen Reichtum, prägt die Gemeinschaften und setzt die Maßstäbe zum Wohl des Ganzen, insbesondere der nachwachsenden Generation.


      Dafür laßt uns beten und arbeiten!
      Unsere Wünsche und Träume wird Gott sortieren.
      Was ihm entspricht, wird letztendlich gelingen,
      so wahr Christus auferstanden ist und Gottes Reich kommt.

    Wir haben allen Grund zu hoffen und Enttäuschungen in uns selbst und in der Sache nicht herrschen zu lassen.

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